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Eine Reise von Irland nach Porto Santo.

 

Auf freier Strecke, mitten in der irischen Wildnis, hält der Bus: „Wir bleiben hier und warten auf einen Ersatzbus. Ich fahre damit nicht weiter“ waren die Worte des Fahrers.

Ich war auf dem Weg zu Hendrik und bin unvermittelt in dieses erste Abenteuer gekommen. Zuvor ging es mit dem Flieger von Hamburg über Frankfurt nach Cork. Ich hatte schon länger auf den Bus gewartet. Verspätung. Es regnet, ist kalt, aber ich bin hier. Nun sollte es mit der Linie 226 in‘s Zentrum von Kinsale gehen. Wie kam es dazu?

Mitte Mai dieses Jahres ging Hendrik auf Langfahrt. „So lange wie das Geld reicht – und dahin, wo es mir gefällt.“ – das ist der Plan. An der LUA haben wir mehrere Winter gearbeitet, und sie war gut vorbereitet.  Hendrik hat Hab und Gut veräußert, Wohnung und Job gekündigt, und am 14. Mai starteten wir zur ersten gemeinsamen Tour durch den Nord-Ostsee-Kanal bis Cuxhaven. Vor dort segelte er solo weiter.

Lange vor der Abfahrt diskutierten wir die Situation an der Iberischen Halbinsel. Seit gut zwei Jahren treibt dort eine Orca-Population (Orca-Iberica) ihre Spiele: Sie attackieren Yachten und zerstören die Ruderanlage. Circa 500 Angriffe – man nennt diese ‚Interaktionen‘ – hat es gegeben, und mindestens vier Schiffe sind bereits gesunken. Das Ergebnis einer derartigen Interaktion kann schnell das Ende der Pläne bedeuten.

Aber was kann man machen, wenn man unbedingt in den Süden will? Eine Möglichkeit ist Binnen, also über Flüsse und Kanäle, zu fahren. Viele Schleusen, fast nur Motorstrecken, und am Ende muss man doch an Gibraltar vorbei, wenn man in den Atlantik will. Und dort, im Golf von Cadiz, sind die Orcas richtig zu Hause.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, immer in extremer Küstennähe unterwegs zu sein. Idealerweise bleibt man auf der 10m-Tiefenlinie. Also auch viele Motorstunden und dann vielleicht noch in gefährlicher Nähe zur Brandung. Immer auch mit der Furcht, doch noch aufgemischt zu werden?

Nein. Hendrik entschied sich für eine andere Variante: gemütlich durch den Englischen Kanal über die Isles of Scilly nach Irland (siehe auch seinen Blog auf http://Lualog.de), und von dort direkt zu den Azoren oder nach Porto Santo. Auf dieser Seestrecke wollte ich ihn dann wieder begleiten.

Und nun stand ich dort in der regnerischen irischen Weite und wartete mit den anderen Fahrgästen auf den Ersatzbus. Irgendwas mit den Bremsen stimmte nicht. Der Fahrer wollte dieses Fahrzeug nicht mehr bewegen. Bis der Ersatzbus eintraf und was dann noch geschah, ist eine eigene Geschichte. Mit ziemlicher Verspätung erreichte ich dann endlich Kinsale und wurde von Hendrik – in kurzer Hose und Barfuß – herzlich in Empfang genommen. Es war Sonntag der 30. Juli 2023.

Die LUA lag an der Boje im River Bandon, direkt vor dem Kinsale Yacht Club. Mit dem Schlauchboot schafften wir es tatsächlich, uns und mein Gepäck für die nächsten Wochen in einer Fuhre zum Schiff zu bekommen.

In den folgenden Tagen bereiteten wir das Boot für die lange Reise vor. Wir kauften Lebensmittel ein, erstellten Proviantlisten, bunkerten Diesel und Wasser und verholten – nachdem wir einen Liegeplatz bekamen – an den Steg des Clubs.

Alles war klar für die Abreise, nur das Wetter nicht. Mehrmals täglich prüften wir die Vorhersagen und warteten auf ein günstiges Wetterfenster. Ich holte auch den Rat der Experten von ‚Wetterwelt‘ ein – doch an der Großwetterlage konnten die auch nichts ändern. Nach einigen Tagen Beobachtens und Wartens entschieden wir dann, die kleinen Sturmpausen zu nutzen, um uns an der Küste weiter Richtung Süd-West-Ecke Irlands zu verholen. So ging es über Baltimore (am Anker – Irland!) und Crookhaven (an der Boje) nach Bere Island zur Lawrence Cove Marina, in die wir am 6. August einliefen. Auf dem Weg begleiteten uns gelegentlich Delfine, Seehunde und Basstölpel.

Bere Island ist eine kleine Insel gegenüber von Casteltownbere. Die Lawrence Cove Marina behauptet von sich, dass sie `“the only fully serviced marina between Kinsale and Cahirciveen“ ist. Und nach Service haben wir gesucht, denn es gab etwas zu reparieren. Die Windsteueranlage war defekt. Eine 6mm Edelstahlstange war gebrochen. Von Hand wollten wir keinesfalls die bevorstehende lange Strecke steuern, und auf einen elektrischen Piloten wollten wir uns auch nicht verlassen.

Die Marina wird von Rachel und Patrick geführt. Rachel ist die Chefin und Patrick der Schrauber. Wir fragen nach einer Werkstatt, die Edelstahl schweißen kann. Patrick nahm uns das Teil ab und sagte: „Ich schaue mir das mal an.“ Als wir vom Einkauf im nahegelegen Ort Rerrin zurückkehrten, war das Problem bereits gelöst. Super Service. Geld wollte er nicht, war ja nur eine Kleinigkeit.

Das Wetter war hier allerdings auch nicht anders als in Kinsale. Ein Tief jagte das nächste. Die Abstände zwischen den Tiefs waren so dicht, dass eine Abfahrt nicht angeraten schien. Wir nutzten die schönen Tage dazwischen und erkundeten die Insel. So gab es z.B. einen alten Wach- und Wehrturm (Martello Tower) oder einen Wikingerhafen zu besichtigen. Die Natur dort ist wunderschön und unzählige Brombeerbüsche säumten die Wege. Wir gingen jeden Tag in den Ort und kauften im einzigen Laden (Murphy’s Post Office and Shop) ein. Die Murphys sind sehr geschäftstüchtig. Sie betreiben auch eine Fähre, besitzen viele Immobilien und Ferienhäuser. Ganz offensichtlich haben sie etwas zu sagen auf der Insel. Mir fallen da gewisse Parallelen zu Fehmarn auf.

Und das Wetter? Heute Sonne, morgen Sturm, Regen und übermorgen Nebel. Es wurde nicht besser. Nach acht Tagen öffnete sich dann endlich ein Wetterfenster. Ein gemäßigtes Tief würde uns zwar noch erwischen – aber es sollte auch nur eins werden und nicht diverse. Wir nutzten die Chance und legten am Montag, den 14. August um 6.55 Uhr ab. Ein langer Schlag lag vor uns.

Um ca. 8.30 Uhr waren wir raus aus dem Piper’s Sound, dem Sund zwischen Bere Island und Irland, und konnten die Segel setzen. Die Windpilot übernahm das Ruder. Wir trugen alle unseren warmen Klamotten, denn es war lausig kalt, aber der Segelwind war super. 3 bis 4 Bft aus NW und gut 5kn Fahrt. Was will man mehr. Um 22 Uhr übernahm ich die erste Wache, um 2 Uhr löste Hendrik mich ab. Der Wind flaute am Dienstag ab. NW 2-3 Bft – und die Sonne schien. Gelegentlich musste der Motor helfen. Delfine haben wir auch wieder gesehen. Unser erstes Etmal betrug 130sm. Nicht schlecht.

Zum Nachmittag des 15. August setzten sich dann langsam die angekündigten südlichen Winde durch. Vorbei war es mit dem Raumwind-, dem Gentlemen-Segeln. Von nun ging es an den Wind, unserem Tief Christoph entgegen.

Mittwoch, 16. August, Wind ca. SE 3 Bft: wir haben einen Mondfisch gesehen. Ein großer runder Fisch, der platt an der Wasseroberfläche liegt. Marion und ich hatten so ein Tier schon mal vor Guernsey beobachtet. Dann tauchen noch drei Portugiesische Galeeren auf. Das sind Tiere, die wie eine Qualle aussehen. Tatsächlich gehören sie aber nicht zur Quallenfamilie. Die Portugiesische Galeere hat einen Kamm, mit dem sie segeln, mit dem Wind driften kann. Ich wusste gar nicht, dass die so weit im Norden vorkommen.

Dann fiel die Windsteueranlage aus. Offensichtlich hatten wir die Schraubverbindung nicht fest genug gezogen. Eine selbstsichernde Mutter ging verloren, und das System arbeitet nicht mehr. Da die Verschraubung in Höhe der Spiegelunterkante liegt, und wir zwischenzeitlich eine beachtliche See hatten, verbot sich aktuell eine Reparatur. Hendrik hätte dafür auf die Badeleiter gemusst. Also die super Selbststeuranlage von Raymarine angeschlossen. Doch auch die tat nicht. Wie sich später herausstellte, waren die Lötverbindungen am Stellmotor korrodiert. Der Motor defekt. Nun musste eine Autohelm aus den 1980’ern ran – und die tat es bis zum Ziel.

Wir hatten zwischenzeitlich Wind aus SE mit der Stärke 5-6 Bft. Das Groß war schon geborgen und die Genua stark gerefft. Die Böen gingen über 40kn und kräftige Schauer prüften unser Ölzeug. Den Kurs konnten wir nicht mehr anliegen. Wir fielen ein wenig ab und segelten weiter raus in den Atlantik, weiter nach Westen.

Am Donnerstag ließ der Wind nach. Wir hatten die Nordflanke des Tiefs durchquert und segelten in das Zentrum. Die Sonne schien, und unser Etmal betrug 117sm. Gesamt sind wir bis Mittag 379sm gesegelt. Nach zwei Tagen war es Zeit für eine warme Mahlzeit: Uncle Ben’s Fertigreis, von dem ich bei der Zubereitung aufgrund des Wellenganges auch noch einiges unter dem Herd verteilt habe.

Freitag, 18.08.: Wir erreichen den südlichen Rand von Christoph (dem Tief). Um 2 Uhr hatten wir noch Wind aus SW, 4 Bft. Um 9 Uhr waren es schon 7 bis 8 Bft. Das Baro fiel rasch von 1020hPa auf 998hPa. Wir refften das Vorsegel auf Taschentuchgröße und fielen wieder etwas nach Westen ab. Unsere Kurslinie hat einige Zacken.

Das Etmal (12 Uhr) betrugt 108sm. Das Baro stieg auf 1003hPa. Der Wind ist war böig und ständig über 40kn. Am Nachmittag ging er dann endlich runter und drehte auf NW – wir hatten es geschafft, wir waren raus aus dem Tief. Christoph zog weiter nach NE.

Der Wind nahm weiter ab, und am Sonnabendmorgen musste dann sogar der Motor ran. Aber die Sonne schien, und zum Frühstück gab es Rührei mit Tomaten – lecker. Halbzeit – nur noch gut 600sm voraus. Am Nachmittag kam der Wind zurück, und wir hingen unsere Klamotten zum Trocknen unter die Solarmodule.

Unser Plan war es, immer mindestens 200sm von der Küste entfernt zu bleiben. Wir hofften darauf, dass die Orcas wegen der Tunfischjagd in Küstennähe blieben.  Und so hielten wir immer mal wieder nach Westen raus. Am Sonntag sahen wir dann in Höhe der Spanisch-Portugiesischen Grenze unser erstes Schiff – nach einer knappen Woche. Zwischenzeitlich dachten wir schon, dass unser AIS versagt hätte. Eine Woche kein einziges Signal auf dem Bildschirm ist schon irgendwie beunruhigend. Hendrik nutzte das nun schöne Wetter für ein Bad auf 4000 Meter Wassertiefe. „Frisch wie in der Ostsee“ sagte er, aber mich hat es nicht gelockt.

Von nun an ging es entspannt weiter. Wir mussten zwar ständig vor dem Wind kreuzen, da sonst die Segel immer im Wellental einfallen, aber es ging voran. Wir sahen Delfine, eine Meeresschildkröte und immer wieder Basstölpel. Die Flugkünstler gleiten mit wenig Flügelschlägen beeindruckend schnell durch die Wellentäler.

So vergingen die Tage und Wachwechsel. Das gute Wetter ermöglichte auch regelmäßiges kochen. Sogar Kuchen und Brot hat Hendrik gebacken. Wir hatten längst unseren Rhythmus drauf, als dann am Freitag, den 25. August Porto Santo in Sicht kam.

Nun sollte wieder der Motor ran – aber der wollte nicht. Die Starterbatterie war total platt. Die LUA, eine Nordwind 32, verfügt über einen alten Bukh Motor. Den soll man auch noch manuell starten können. Mit viel Kraft und einigen Tricks gelang es tatsächlich, diesen großen Eisenblock zum Laufen zu bringen. Das war ein schönes Training für Hendrik.

Der Hafen von Porto Santo besteht aus einem großen Hafenbecken, in dem auch die Fähre von/nach Madeira anlegt. In einer Ecke befindet sich eine kleine Steganlage für Freizeitboote und Fischer. Der Rest der großen Wasserfläche ist bestückt mit Festmacherbojen. Wir wollten an die Steganlage, aber da war kein Liegeplatz mehr frei. Also an die Boje. Doch der eingelegte Vorwärtsgang ging nicht mehr raus. Der Bowdenzug war abgesprungen und ein Schaltvorgang nicht möglich. Das Problem war für uns auf die Schnelle nicht zu beheben. Wir drehten einige Kreise, bis wir eine freie Boje gefunden hatten. Ich motorte auf diese Boje zu und machte die Maschine kurz bevor wir sie erreichten, aus. Mit wenig Fahrt im Schiff trieben wir darauf zu und Hendrik ergriff die Sorgeleine der Boje. Geschafft! Laut Logbuch waren wir dann um 16.45 Uhr, am Freitag, den 25. August, fest.

Wir hatten genau 1300sm im Kielwasser, und waren ca. 11 Tage und 10 Stunden unterwegs. Die LUA hat uns sicher durch die stürmischen Seen hier in den Süden gebracht. Die Sonne scheint, die Tagestemperatur liegt bei 25 Grad.

Ich war nun zum dritten Mal auf dieser schönen Insel und wollte noch ein paar Tage genießen. Am 29. August ging es dann zurück nach Hamburg.

Hendrik ist von nun an wieder solo unterwegs.

Uwe von der HEDAS.